Über den 8. Juli 2008

1. Gedicht auf dem Weg der Gedichte, der vor dem Künstlerhaus Edenkoben beginnt:

Wie Babel blättern wir
in den Wörterbüchern, gewaltig,
nicht wütend, freundlich mit denen,
die uns die Wörter brachten.
Sie stehen im Licht vor den Fenstern,
dahinter der Garten, die steinerne Bank,
darunter die Katze und die tote Maus,
da weiter die Reben, die Ordnung,
mit der wir Silben tauschen.

Kuppler sind wir. Wollen, daß
zwei fremde Zungen
sich heftig, ungezwungen
treffen. Der Wein hilft,
die Sonne, der große Raum
mit den Dichtern in so viel Licht
und raschelnden Büchern.

Freundschaft der Dichter
Das Mahl als Belohnung
am Abend. Ranken auf weißem Tuch.
Zehn Finger legen wir auf sie.

Joachim Satorius

Nach dem Frühstück begann der Tag mit einem Vortrag des Literaturkritikers und Autors Jörg Magenau, bei dem er einen Überblick über die Literatur der letzten Jahre verschaffte und auf vermeintliche aber auch echte literarische Trends einging. Er hob drei thematische Schwerpunkte der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur hervor:
1. Familienroman, in dem sich die jüngere Literatengeneration zur Identitätsfindung auf die Suche nach ihrer Herkunft macht und dafür oftmals die Geschichte der Großeltern erzählt. Anders als bei den 68ern geht es heute nicht um Abgrenzung und Anklage, sondern um die Beschäftigung mit dem eigenen kulturellen Ursprung. Nicht die Schuldfrage steht zur Debatte, sondern die Erinnerung, die die Nachgeborenen den Ermordeten schuldig ist.
2. Politik und Gewalt als literarische Themen, bei denen sich die Autoren häufig mit dem Innenleben terroristischer Akteure beschäftigen. 3. Ein wichtiger Bereich des Schwerpunkts Globalisierung und Migration ist die Literatur der deutschsprachigen Schriftsteller anderer Kulturen. Diese schlagen eine thematische Brücke zwischen der Kultur ihrer Herkunft und jener, in der ihre Sozialisation stattgefunden hat. Gleichzeitig bereichern sie die deutschsprachige Literatur sprachlich, indem sie kraftvolle Metaphern ihrer Ursprungskultur verwenden, die aus der Feder eines deutschen Literaten unauthentisch anmuten würden.

In China ist diese Literatur aus Deutschland weitgehend unbekannt und bleibt in der Regel unübersetzt. Des weiteren merkten die chinesischen Kollegen an, dass deutsche Literatur in China als langweilig gilt und sich wenig Beliebtheit erfreut, so dass sie nicht mit amerikanischen und französischen Romanen konkurrieren kann.

Nach dem Mittagessen stellte Dr. Maja Pflüger die vielfältigen Aktivitäten und Förderungsprogramme der Bosch-Stiftung vor. Jedes Jahr stehen der Stiftung rund 70 Mio. Euro für ihre Projekte zur Verfügung, um dem Stiftungsziel der Volkerverständigung Rechnung zu tragen. Welche Art von Projekten diesem Ziel dienen hat Robert Bosch in seinem Testament offen gelassen. Im literarischen Bereich liegt der Schwerpunkt der Stiftung im osteuropäischen Kulturkreis. Im vergangenen Jahr sind die Regionen Japan, China und Indien hinzugekommen.
Frau Pflüger vermittelte eine überaus hohe Wertschätzung, die die Bosch-Stiftung Literaturübersetzern als kulturellen Mittlern entgegenbringt und machte mehrfach das große Interesse an der Förderung und Stärkung dieses Berufes deutlich. Die Bosch-Stiftung strebe einen regen gegenseitigen Austausch mit Langzeitperspektive an, im Rahmen dessen Ideen und Projektvorschläge überaus willkommen seien. Auf Initiative der Bosch-Stiftung findet am 26. September dieses Jahres ein Runder Tisch zur Übersetzerförderung im Auswärtigen Amt zusammen mit über 50 Institutionen statt.

Der nachmittägliche Textarbeit widmeten sich chinesische und deutsche Übersetzer getrennt voneinander in zwei Gruppen. In der deutschen Gruppe wurde zunächst die individuelle Herangehensweise an einen neuen Text reflektiert: Übersetzt man erst roh oder gleich möglichst ausgefeilt? Tippt man sofort in den Computer oder schreibt erst mit der Hand?
Die 2×6 W-Fragen (6 x textextern, 6 x textintern) dienen als erster Schritt, um sich einem Text zu nähern. Textextern: Wer schreibt? Wo wird geschrieben? Welches Medium wird verwendet? Worüber wird geschrieben? Wann wird geschrieben? Warum wird geschrieben? Textintern: Was wird gesagt? Was nicht? Welche Lexik? Welche Sätze? Welcher Ton? Welche Gliederung? Anschließend begannen wir mit der detaillierten Arbeit an dem vorbereiteten Text, dem Beginn des Epilogs von „Brüder“, einem Roman des Autors Yu Hua, der in der Übersetzung von Professor Kautz im S. Fischer Verlag erscheinen wird. Als grundsätzlichen Hinweis verwies Herr Kautz darauf, im Verlauf der gesamten Übersetzung die Frage nach der Kohärenz und Kohäsion des Textes im Auge zu behalten.

Zum Abschluss des Abends las Herr Kautz aus seiner Übersetzung des Romans „Rare Gabe Torheit“ von Wang Meng. Zur Veranschaulichung der fulminanten Sprache des Autors wurde das Werk im Wechsel auf Chinesisch und auf Deutsch gelesen. Anschließend las Professor Feng ihren Aufsatz „Literarische Übersetzung aus hermeneutischer und interkultureller Sicht am Beispiel des Butt von Günther Grass“ vor.

Wörterbücher:
www.chinaboard.de/chinesisch_deutsch.php
www.chdw.de
www.chinese-tools.com/tools/chinese-german-dictionary.html
www.chinesisch-lernen.org
www.zhongwen.com/zi.htm
www.chinlex.de/d/index.htm
www.dict.cn

von: Thekla Chabbi

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