Sonntag

Sonntag war der krönende Abschluss. Am Vormittag Lesung von Uwe Timm. Diskussion mit dem Publikum und den chinesischen Übersetzern. Das Publikum war zahlreich. Über 100 Gäste, schätze ich. Es war ein ganz besonderes Erlebnis, Uwe Timms Auftritt mit seinem Text zu erleben. Den Text hatten sich ja vor allem die chinesischen Übersetzer in den Tagen davor zu “ihrem” Text gemacht. Uwe Timm zeigte sich sehr erfreut, dass die Chinesen viele Fragen stellten. Professor Huang hatte schon auf der Anreise in Frankfurt die Piloten seiner Maschine zu dem Wort “Luftwaffendolch” befragt und war deshalb der Grenzpolizei verdächtig erschienen. Nach der Lesung des Autors las Frau Wang Binbin eine Seite aus der gemeinsam erarbeiteten Übersetzung. Uwe Timm erzählte von seinen Lesereisen und Auftritten in Taipei, Shanghai und anderen Städten. Das chinesische Publikum sei sehr lebhaft gewesen, berichtete der Autor, besonders im Vergleich zu den disziplinierten und zurückhaltenden Zuhörern in Japan. Die Bücher von Uwe Timm wurden zuerst in Taiwan übersetzt und publiziert, später auch auf dem Festland. Die Übersetzung erfolgte allerdings zumindest bei “Die Entdeckung der Currywurst” aus dem Englischen. Damit wurden versoffene Penner an einer Stelle auch in chinesischen Schriftzeichen zu betrunkenen Pennälern.

An diesem Abschlusstag ging es in der öffentlichen Diskussion ein weiteres Mal um Grundsatzfragen. Ortega y Gasset wurde mehrfach zitiert, wie auch schon von Herrn Kautz in seinem Vortrag. Die Forderung, dass eine Übersetzung “bis an die Grenzen des Verstehens” gehen solle, wurde von Herrn Kautz und von den anderen Übersetzern allgemein zurückgewiesen. Auch Uwe Timm meinte, er erwarte sich von einer Übersetzung vor allem einen guten Text. Zusatzinformationen, die in akademischen Publikationen oft mit Fußnoten geliefert werden, sollten in Übersetzungen von zeitgenössischen Romanen lieber in den Text eingearbeitet werden, das hatte Herr Kautz wiederholt betont. Uwe Timm wurde auch gefragt, ob er eine durch “die Globalisierung” verursachte Zunahme von Übersetzungen und Kontakten zwischen Deutschland und weit entfernten Ländern in anderen Kontinenten bemerkt habe. Der Autor meinte, das Interesse an Afrika und Lateinamerika habe eher abgenommen. Solidarität als Grund für die Beschäftigung mit verschiedenen Kulturen sei in den letzten 20 Jahren von Geschäftsinteressen abgelöst worden. Andererseits war es Uwe Timm deutlich anzumerken, dass es ihm Freude machte, sich mit seinen chinesischen Lesern und Übersetzern auszutauschen, egal woher das verstärkte Interesse an China in Deutschland, oder an Deutschland und anderen europäischen Ländern in China rühren mag. Die Diskutanten auf dem Podium waren neben dem Autor und den Werkstattleitern Frau Feng Yalin und Herrn Kautz Frau Tang Wei aus Taiwan und die zuvor genannten Übersetzer Herr Huang von der Peking-Universität und Frau Wang, die die Übersetzung las. Frau Tang beeindruckte durch ihre emotionale Begründung ihres Engagements für Übersetzung und Kulturaustausch. Sie hatte in Taiwan u.a. eine erfolgreiche Inszenierung des Kleist-Stückes “Das Käthchen von Heilbronn” organisiert.

Bei der Lesung wurde deutlich, dass ein autobiographischer Text wie “Am Beispiel meines Bruders” noch um einiges stärker wirkt als viele Romane. Gerade bei der Aufarbeitung von traumatischer Zeitgeschichte sind autobiographische Texte immer wieder von zentraler Bedeutung, was man in China in den 90er Jahren u.a. am Erfolg von Hong Yings Autobiographie sehen kann, die in Deutschland unter dem Titel “Tochter des großen Stroms” vorliegt.

Das Mittagessen war ein weiterer kulinarischer Höhepunkt dieser herrlichen Woche. Es gab lokale Spezialitäten. Viele saßen im Freien im Garten, wo einige Tage zuvor auch die Weinprobe stattgefunden hatte.

Am Nachmittag erstiegen wir unter kundiger Anleitung die beiden Hügel, die sich in der Nähe aus den Weinbergen erheben. Der eine Hügel beherbergt das sogenannte Friedensdenkmal, im wesentlichen ein Triumphbogen für den Sieg im Krieg gegen Frankreich von 1870 und die damit verbundene Reichseinigung.
Das kleine Bismarckdenkmal, an dem man beim Aufstieg vorher vorbeikommt, ist nicht mehr als solches zu erkennen: Das Bild des Reichskanzlers hat vor kurzem jemand aus dem Stein entfernt. Der zweite Hügel trägt die “Villa Ludwigshöhe” und erinnert damit an die Zeit, als Bayern zur Pfalz gehörte. Wir nahmen den Sessellift bis hinauf zur Burg, von der man einen ganz weiten Blick hat. Mannheim, Karlsruhe und der Schwarzwald sind allerdings auch schon aus dem Garten des Künstlerhauses zu erahnen. Die Jause in luftiger Höhe war eine der letzten geselligen Stationen in dieser viel zu kurzen Woche. Dabei erwies sich: Auch in Deutschland kann man sich Tee noch mal aufgießen lassen.

Die Käseplatte vom Abendessen im Künstlerhaus war eine beiläufige Vorstellung von Köstlichkeiten, die man in China auch heute kaum findet. Viele Übersetzer sind solchen lokalen Spezialitäten gegenüber besonders aufgeschlossen. Nach dem Abendessen gab es nur noch Abschied. Johannes Fiederling hat es treffend gesagt: Rührung. Danke.

Volker Lehmacher und Maren Jäger erstellten und verteilten CD-ROMs mit Fotos. 

Gedichte aus den Tagen in Edenkoben gibt es auf meinem Blog: http://blogs.yahoo.co.jp/dujuan99nihon

Martin Winter

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