Mittwoch, den 09.07.2008, Künstlerhaus Edenkoben
Vormittags unter der Moderation von Frau Professorin Feng Yalin und Herrn Professor Ulrich Kautz zu einer gemeinsamen übersetzungskritischen Sitzung. Heftige Diskussionen über die chinesischen (am Beispiel von Franz Kafka) und die deutschen Übersetzungen (am Beispiel von Wang Shuo). Man hat nämlich zwei chinesische Versionen von Kafkas berühmter Parabel Vor dem Gesetz , die dem Roman Prozeß entstammt, und beide deutsche Übersetzungen von Wang Shuos Romanen (Kein Bisschen seriös und Herzklopfen ist das Spiel) unter die Lupe genommen. Sehr gute Textauswahl und höchstinteressante Diskussionsergebnisse, die noch mal die Feststellung, - mindestens meinetwegen im Falle der chinesischen Kafkaübersetzungen, - bestätigt haben: Die Qualität einer Übersetzung hängt gewissermaßen mit dem Interpretationsniveau, der Einsicht des Übersetzers, zusammen. Während an den beiden besprochenen chinesischen Fassungen unglücklicherweise markante Fehler diagnostiziert worden sind, ist die als misslungen beurteilte deutsche Übersetzung von Wang Shuos Roman auf vernichtende Kritik gestoßen. Das literarische Übersetzen ist nämlich wie ein „Seiltanz“, faszinierend aber gefährlich.
Fahrt mit Frau Dr. Maren Jäger und Frau Wörsdörfer nach Stuttgart, zunächst mit dem Kleinbus bis Neustadt, dann mit dem Zug, Umsteig in Mannheim. Frau Licher, die zu meiner Überraschung Professor Li Wei, den Präsident meiner Universität - Beihang Universität - gut kennt, hat uns vom Bahnhof zur Robert-Bosch-Stiftung abgeholt.
Ankunft bei der Robert-Bosch-Stiftung. Wiedersehen mit Frau Dr. Pflüger, Projektleiterin
Programmbereich Völkerverständigung Mitteleuropa, Osteuropa. Begrüßt von Herrn Professor Dr. Joachim Rogall, Leiter des Programmbereiches Völkerverständigung Mitteleuropa, Osteuropa, GUS, China. Sehr Informative Vorträge sowohl über den Stifter als auch über das China-Programm der Robert-Bosch-Stiftung von Herrn Marc Bermann, Projektleiter deutsch-chinesische Beziehungen, der sogar fließend Shanghaier Dialekt sprechen kann und einen guten Kontakt mit der Züricher Sinologin Frau Professorin Riemenschnitter). Bücher geschenkt bekommen (In Ketten tanzen. Übersetzen als interpretierenden Kunst und Saša Stanišics Roman Wie der Soldat das Grammofon repariert). Gemeinsame Fotoaufnahme mit Herrn Professor Rogall in einer sehr lockeren Atmosphäre. Nach der Gesprächsrunde hat uns Frau Pflüger eine beeindrückende Führung durch das majestätische Gebäude gemacht. Turmbesteigung und ein herrlicher Ausblick in die Ferne (Diese Tage habe ich alles mit Doppelfreude erlebt: Auf Einladung der Robert-Bosch-Stiftung besuche ich das Künstlerhaus Edenkoben, wo ich die Nachricht von der positiven Auswahlentscheidung der Alexander-von-Humboldt Stiftung zu meiner Bewerbung um das Forschungsstipendium für Postdoktoranden erhalten habe).
Spaziergang in die Stadt. Einkauf in der Buchhandlung: Uwe Timms Morenga, ein Roman, den mein Doktorvater Professor Horst Turk sehr schätzte. Turk hat Timm 2003 nach Göttingen eingeladen. Im Kreis der Turkianer tauchen mehrere Timm-Expertinnen auf (vor allem Frau Dr. Andrea Albrecht, die in Göttingen mehrere Timm-Vorträge hielt und zusammen mit Frau Dr. Weiershausen Timms Lesung des Romans Rot im Literaturhaus Göttingen moderierte). Erinnerung an Herrn Turk!
Tolles Essen im Restaurant „Plenum“. Auf der Rückfahrt von Stuttgart nach Mannheim fällt mir ein schönes Zitat von Harald Weinrich, dem berühmten Linguisten und Adelbert-von-Chamisso-Preisträger (Chamisso, der mit dem Sinologen Julius Klaproth in Berlin eng befreundet war, galt eben auch als ein China-Kenner), ins Auge:
„Deutschland ist ein Land, das Sprache und Geschichte gemacht, und alle Personen, die von der deutschen Sprache einen solchen Gebrauch machen, daß sie diese Geschichte weiterschreiben, sind unsere natürlichen Landsleute, sie mögen von innen kommen oder von außen.“ (Aus dem Vortrag „um eine deutsche Literatur von außen bittend“, 1983)
In der Nacht um 24:00 haben wir noch das Geburtskind Herrn Johannes Fiederling, den ersten Preisträger des Shanghaier Übersetzungswettbewerbs und den jüngsten Literaturübersetzer unter den Teilnehmern, herzlich beglückwünschen können.
Wu Xiaoqiao